{"id":1058,"date":"2014-03-16T20:10:43","date_gmt":"2014-03-16T18:10:43","guid":{"rendered":"http:\/\/g4rf.net\/?p=255"},"modified":"2023-07-02T08:10:58","modified_gmt":"2023-07-02T06:10:58","slug":"eine-dystopie-zum-globus-hypermarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jankosyk.de\/en\/eine-dystopie-zum-globus-hypermarkt\/","title":{"rendered":"Eine Dystopie zum Globus Hypermarkt"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist ein sonniger Freitag morgen und mich erwartet ein Meeting am Dresdner Stadtrand. Ich verlasse meine Wohnung in der Neustadt in der N\u00e4he vom ehemaligen Feuchten Eck. Diese Ecke war auch als Verrecker-Ecke bekannt, ein Name der nun besser zutrifft. Das dort anliegende Musikhaus Meinel mit den bequemen Fensterb\u00e4nken musste einer Kreuzungserweiterung weichen, da die Stra\u00dfe als Entlastung f\u00fcr die immer verstopfte Antonstra\u00dfe vor dem Neust\u00e4dter Bahnhof und die immer h\u00e4ufiger verstopfte K\u00f6nigsbr\u00fccker Stra\u00dfe herhalten muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Da es keine Parkpl\u00e4tze an der Stra\u00dfe mehr gibt und die Stra\u00dfenbahn inzwischen um die Neustadt einen gro\u00dfen Bogen macht, laufe ich zum Parkhaus am Albertplatz. Es ist eines von sieben Parkh\u00e4usern um den Globus Hypermarkt und steht dort, nachdem Edeka an der Stelle trotz st\u00e4dtischer Hilfe die Sanierungskosten f\u00fcr das alte DVB-Geb\u00e4ude \u00fcber den Kopf gewachsen sind. Ich laufe vorbei an einer handvoll Schnellimbissen und Friseurl\u00e4den, viele noch sehr jung und meist binnen kurzer Zeit wieder geschlossen. \u00dcber die H\u00e4lfte der L\u00e4den steht leer, einzig die Kneipen halten sich noch wacker.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich die vierspurige K\u00f6nigsbr\u00fccker \u00fcberquert habe \u2013 die nun dank Globus die prognostizierten Zahlen der Stadt von 25.000 Autos pro Tag \u00fcberschreitet \u2013 betrete ich das Betonparkhaus und setze mich ins Auto. Ich muss hinaus zum Schloss \u00dcbigau, wir verhandeln die Umnutzung als Atelier- und K\u00fcnstlerhaus. Also fahre ich entweder \u00fcber die K\u00f6nigsbr\u00fccker und an der Schauburg links in die Fritz-Reuter-Stra\u00dfe, was sp\u00e4testens ab der B\u00fcrgerstra\u00dfe in Pieschen zum Problem wird: Durch den minimierten Stra\u00dfenbahnverkehr sind zur morgendlichen Hauptverkehrszeit selbst die Nebenstra\u00dfen \u00fcberlastet. Oder ich nutze die Leipziger Stra\u00dfe und fahre vorbei am Neust\u00e4dter Bahnhof \u2013 ein Unterfangen, dass mich als ungeduldigen Autofahrer auf eine Zerrei\u00dfprobe stellt. Ich bewege mich stattdessen \u00fcber die K\u00f6nigsbr\u00fccker Richtung Industriegebiet, biege links in die Stauffenbergallee und nutze die Autobahn. Das ist zwar ein Umweg, die vielen vierspurigen Stra\u00dfen erlauben aber ein fl\u00fcssiges Vorankommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Abfahrten sp\u00e4ter verlasse ich am Elbepark die Autobahn wieder. Das einstmals vor allem aus dem Umland frequentierte Einkaufszentrum steht nun fast leer. Kaufland, M\u00f6bel H\u00f6ffner und Ikea stehen noch, eine Bowlingbahn h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig. Der Musikpark nutzt hier billig gro\u00dfe Fl\u00e4chen als \u201eParty auf mehreren Floors\u201c. Die Parkpl\u00e4tze verwildern zusehends, viele Werbetafeln sind fleckig und zerfleddert. Die einzigen Farbtupfen bilden die Graffiti an den W\u00e4nden. Seitdem der Elbepark kein vollst\u00e4ndiges Angebot mehr hat, fahren auch die Konsumenten aus dem Umland bis zum Hypermarkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Mittag verlasse ich \u00dcbigau wieder und wage die qu\u00e4lende Fahrt \u00fcber die Leipziger Stra\u00dfe. Bis zum Ballhaus Watzke komme ich gut \u00fcber die Flutrinne durch, auf der Leipziger wird es schwierig. Zwar f\u00e4hrt auch hier die Stra\u00dfenbahn nur noch nach 20 Uhr bis fr\u00fch um sechs um danach den vierspurigen Autoverkehr zu erm\u00f6glichen, mehr als Stop&#038;Go ist dennoch nicht zu machen. Am ehemaligen Freiraum Elbtal biege ich vor dem Alten Schlachthof in die Erfurt Stra\u00dfe ein. Das bedeutet zwar einen Umweg, aber die weitere Strecke bis zum Bahnhof Neustadt spare ich mir. Da die Retentionsfl\u00e4che s\u00fcdlich der Leipziger vom Neust\u00e4dter Hafen bis zu den Schreberg\u00e4rten beim Eselsnest unter dem politischen Druck von Globus der USD Hafencity und Dresden Baus Marina Garden weichen mussten, ist hier eigentlich kein vorankommen m\u00f6glich. Mei\u00dfen strengt zu Zeit eine Klage wegen Versiegelung von Flutungsfl\u00e4chen gegen Dresden an, da die Mei\u00dfner nach dem letzten Hochwasser vor einigen Monaten ihr Elbbr\u00fccke wegen Einsturzgefahr durch Flutsch\u00e4den nicht mehr nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder zu Hause f\u00e4llt mir auf, dass der K\u00fchlschrank leer ist. Ich erinnere mich noch an Zeiten, an denen das kein Problem gewesen w\u00e4re. Da gab es Gem\u00fcseh\u00e4ndler und Sp\u00e4tshops, kleine Bioimbisse, Caf\u00e9s und Restaurants. Das alles hielt sich auch trotz Globus sehr lange, gerade weil die Anwohner Globus mieden. Kurz bevor der Hypermarkt Konkurs anmelden musste, zog die Stadtverwaltung die Notbremse und weitete das Stra\u00dfenverkaufsverbot von Alkohol auf die gesamte Woche und das gesamte Gebiet der Neustadt, dem Hecht, und Pieschen aus. Zus\u00e4tzlich gab es eine Sondergenehmigung f\u00fcr Globus bis Mitternacht zu \u00f6ffnen und zweimal im Monat einen verkaufsoffenen Sonntag zu haben. Zuerst verschwanden die Sp\u00e4tshops, dann nach und nach die Gem\u00fcseh\u00e4ndler. Damit wurde es egal, ob die Touristen das Szeneviertel aufsuchten oder die sterilen Imbissangebote am Hypermarkt nutzten. So verschwanden ebenfalls nach und nach die Bars und Restaurants, die kleinen Klamotten- und Schmuckl\u00e4den, die Ateliers und B\u00fccherl\u00e4den. Selbst Handelsketten wie Konsum haben sich aus dem nordelbischen Bereich so gut wie zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlie\u00dfe resigniert die K\u00fchlschrankt\u00fcr und greife zum Telefonh\u00f6rer. Das einzige Gewerbe, dass von Globus profitiert, sind die Lieferdienste. Immerhin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein sonniger Freitag morgen und mich erwartet ein Meeting am Dresdner Stadtrand. Ich verlasse meine Wohnung in der Neustadt in der N&auml;he vom ehemaligen Feuchten Eck. Diese Ecke war auch als Verrecker-Ecke bekannt, ein Name der nun besser zutrifft. Das dort anliegende Musikhaus Meinel mit den bequemen Fensterb&auml;nken musste einer Kreuzungserweiterung weichen, da die Stra&szlig;e als Entlastung f&uuml;r die immer verstopfte Antonstra&szlig;e vor dem Neust&auml;dter Bahnhof und die immer h&auml;ufiger verstopfte K&ouml;nigsbr&uuml;cker Stra&szlig;e herhalten muss. 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