{"id":38,"date":"2013-09-30T15:19:37","date_gmt":"2013-09-30T13:19:37","guid":{"rendered":"http:\/\/g4rf.net\/?p=232"},"modified":"2023-07-02T08:12:37","modified_gmt":"2023-07-02T06:12:37","slug":"offener-brief-an-die-stadt-was-ist-mit-raum-fuer-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jankosyk.de\/en\/offener-brief-an-die-stadt-was-ist-mit-raum-fuer-kultur\/","title":{"rendered":"Offener Brief an die Stadt: Was ist mit Raum f\u00fcr Kultur?"},"content":{"rendered":"\n<p>Sehr geehrte Stadtr\u00e4te,<br>sehr geehrte Frau Oberb\u00fcrgermeisterin,<br>sehr geehrte Beigeordnete,<br>werte Stadtverwaltung,<\/p>\n\n\n\n<p>dass in Dresden nicht immer alles gut l\u00e4uft, ist bekannt. Br\u00fcckenbauen f\u00e4llt hier ziemlich schwer, B\u00fcrgerbeteiligung ist noch Neuland und auch ganze Stra\u00dfen k\u00f6nnen ihres Umbaus ein Jahrzehnt harren. Aber der Kultur geht es in Dresden richtig gut, mit Semperoper und Staatsschauspiel. Und damit den Bewohnern.<br>Oder etwa doch nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage l\u00e4sst sich eigentlich klar beantworten, braucht jedoch etwas Erkl\u00e4rung und muss aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Dresden ist es \u00fcblich, dass bei gro\u00dfen Bauprojekten die Interessen von Bautr\u00e4gern und Investoren eine gewichtigere Rolle spielen als die der B\u00fcrger. So ist der Terminus \u201cFr\u00fche B\u00fcrgerbeteiligung\u201d noch frisch und in der Umsetzung recht rudiment\u00e4r. Das f\u00fchrt regelm\u00e4\u00dfig dazu, dass die Ausgaben f\u00fcr die Planungen ins Unermessliche steigen, da allgemeine Interessen nicht ber\u00fccksichtigt werden: Architektur wird nicht an das bestehende Stadtbild angepasst, \u00c4nderung im Verkehrsraum werden f\u00fcr Durchgangsverkehr und nicht f\u00fcr Anwohner projektiert, Naherholungsgebiete spielen selten eine Rolle, \u00fcber soziale Durchmischung wird nie nachgedacht und damit gewachsene Sozialstrukturen zerst\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Punkt ist das Verst\u00e4ndnis der Stadtverwaltung f\u00fcr die Arbeit von gemeinn\u00fctzigen, unkommerziellen und selbstorganisierten Initiativen. Genehmigungsverfahren und Auflagen werden mit einem gewerblichen und industriellen Ma\u00dfstab versehen, der dem finanziellen und personellen Kr\u00e4ften solcher Initiativen in keiner Weise Rechnung tr\u00e4gt. Hinzu kommt, dass es keinen direkten Ansprechpartner f\u00fcr die Anliegen der Initiativen in der Stadtverwaltung gibt, und gern auf andere Dienststellen verwiesen wird.<br>Am klarsten hat es der Finanzb\u00fcrgermeister Hartmut Vorjohann in einer Einwohnerfragestunde im Juni diesen Jahres formuliert: Leerstehende st\u00e4dtische Geb\u00e4ude werden nicht als W\u00e4chterh\u00e4user eingesetzt und an Kulturvereine nur im Wettbewerb zu Investoren verkauft. Das erzeugt eine klare Wohn- und Kulturraumentwicklung nach wirtschaftlichen statt kulturellen Aspekten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es passiert ein Ausverkauf st\u00e4dtischer Fl\u00e4chen und Immobilien an Investoren.<br>So geschehen bei der Hafencity: USD und Dresden Bau wollen im \u00dcberflutungsgebiet nun Wohnraum schaffen f\u00fcr 9 bis 14 EUR pro Quadratmeter. Bestehende Gr\u00fcnfl\u00e4chen werden dezimiert und Kulturangebote entfallen ersatzlos \u2013 oder k\u00f6nnen sich f\u00fcr die genannten Preise einmieten.<br>Das DVB-Hochhaus am Albertplatz wurde der Firma EDEKA \u00fcberlassen. Diese hat nun Zeit, dort ein Einkaufstempel hinzusetzen. Allerdings passiert seit Monaten nichts. Warum auch, hat doch EDEKA im Industriegel\u00e4nde bereits eine Filiale. Der Verdacht, dass hier einfach Bauland blockiert wird, liegt nahe. Das im Geb\u00e4ude neben Gewerbe auch Ateliers, Prober\u00e4ume, KITAs, Theater und vieles mehr Platz hat, scheint der Stadt Dresden nicht aufzugehen.<br>Der Alte Leipziger Bahnhof zwischen Hafencity und Bahnhof Neustadt soll ebenfalls verkauft werden; an Globus, damit dort ein Hypermarkt mit 1.000 Parkpl\u00e4tzen entstehen kann. Davon abgesehen, dass das schon jetzt hohe Verkehrsaufkommen in der Innenstadt multipliziert w\u00fcrde, widerspricht solch ein Hypermarkt im Stadtzentrum jedem Ansatz guter Wohnqualit\u00e4t. Dass das Gel\u00e4nde ebendsogut ein st\u00e4dtisches Gro\u00dfgymnasium aufnehmen kann oder in kleinen Teilen ausgewogen an Gewerbe, Wohnraum und Kultur verkauft, verpachtet und vermietet werden kann, liegt der Stadt Dresden zu weit entfernt.<br>Ob tats\u00e4chlich weitere Gewerbefl\u00e4chen gebraucht werden, ist in Frage zu stellen, steht doch die Centrumsgalerie, das neuste innerst\u00e4dtische Prunkst\u00fcck, zum Teil leer, die einsamen Flure eilig mit Leichtbauw\u00e4nden versteckt.<br>Das die Stadt Dresden auch mal wegschauen kann, zeigt das Beispiel Elbepark. Dort wurden im letzten Jahr ganze 6.000 Quadratmeter gefunden. Gefunden? Man hat einfach \u201c\u00fcbersehen\u201d, dass genemigter Plan und Realit\u00e4t nicht \u00fcbereinstimmen. Soviel Blindheit w\u00fcnschte sich manches Projekt, dass aus konstruierten Gr\u00fcnden ihr angestammtes Domizil verlassen muss.<br>Wie zum Beispiel die \u00fcber 100 Musiker des Probehauses in Reick. Diese erhielten im M\u00e4rz ihre K\u00fcndigung und mussten binnen vier Monaten Ersatz finden. In Dresden eine Unm\u00f6glichkeit, da Prober\u00e4ume durch Stadtpolitik rar sind, die Preise selbst f\u00fcr das letzte Loch entsprechend hoch. In der Stadtverwaltung stie\u00df man auf der Suche nach einem neuen Haus auf Verst\u00e4ndnis, jedoch war es Herr Vorjohann, der das potentielle neue Ziel \u2013 die Kaitzer Stra\u00dfe 2 am Hauptbahnhof \u2013 nach Einreichung eines Nutzungskonzeptes durch die Musiker in einem Verwaltungsakt im Hinterzimmer vom Markt nahm. Begr\u00fcndung: Das Geb\u00e4ude sei marode. Seltsam, dass es zuvor zwei Jahre lang \u00f6ffentlich zur Miete und zum Kauf ausgeschrieben war.<br>Ein weiterer unr\u00fchmlicher Punkt ist die Geschichte um die Blaue Fabrik, die dieses Jahr ihre Pforten schlie\u00dfen musste. Die derzeitige Lage ist durch verschiedene Streitparteien durchwachsen, angefangen hat es aber mit der Schaffung von neuem Bauland im Jahr 2010 seitens der Stadt f\u00fcr den Erhalt des Kulturortes. Verpasst wurden dabei rechtlich verbindliche Auflagen zum Erhalt des Geb\u00e4udes im Rahmen der Bauantr\u00e4ge durch das Stadtplanungsamt. Das Ergebnis ist, dass die Neu-Eigent\u00fcmer nichts f\u00fcr die Sanierung der Blauen Fabrik tun und diese nun vom Bauaufsichtsamt geschlossen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eingangs gestellte Frage soll nun jeder f\u00fcr sich selbst beantworten. Ein paar Forderungen kann ich mir aber nicht verkneifen. So sollte in der Stadt der Erhalt und die F\u00f6rderung kultureller und zivilgesellschaftlicher Projekte und die Unterst\u00fctzung bei Schaffung neuer Projekte im Vordergrund stehen, nicht das Interesse von Investoren und Bautr\u00e4gern.<br>Au\u00dferdem spreche ich mich f\u00fcr die Schaffung einer direkten Anlaufstelle f\u00fcr freie Initiativen in Dresden zur Vermittlung von Freifl\u00e4chen und Geb\u00e4uden nach Leipziger Beispiel aus, f\u00fcr die Schaffung neuer Sozialwohnungen in jedem Stadtteil Dresdens und nicht nur in Randgebieten und f\u00fcr symbolische Mieten von der Stadt Dresden f\u00fcr unkommerzielle Projekte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Text entstand unter Mitarbeit einiger Dresdner Freir\u00e4ume<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.kukulida.de\/\">Kukulida e.V.<\/a>, Liubituwa e.V., <a href=\"http:\/\/wochenmarktloebtau.wordpress.com\/\">B\u00fcrgerinitiative L\u00f6btauer Markt<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.blauefabrik.de\/\">Blaue Fabrik e.V.<\/a>, <a href=\"http:\/\/probehaus.wordpress.com\/\">Probehaus G10<\/a>) und wurde von mir zusammengefasst und in Prosaform gegossen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Stadtr&auml;te, sehr geehrte Frau Oberb&uuml;rgermeisterin, sehr geehrte Beigeordnete, werte Stadtverwaltung, dass in Dresden nicht immer alles gut l&auml;uft, ist bekannt. 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