{"id":441,"date":"2015-03-08T23:50:08","date_gmt":"2015-03-08T22:50:08","guid":{"rendered":"http:\/\/g4rf.net\/?p=300"},"modified":"2023-07-02T09:29:50","modified_gmt":"2023-07-02T07:29:50","slug":"dresden-es-ist-etwas-kaputt-gegangen-zwischen-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jankosyk.de\/en\/dresden-es-ist-etwas-kaputt-gegangen-zwischen-uns\/","title":{"rendered":"Dresden \u2013 es ist etwas kaputt gegangen zwischen uns"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/jankosyk.de\/wp-content\/uploads\/Dresden-es-ist-etwas-kaputt-gegangen-zwischen-uns.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor zehn Jahren gab es f\u00fcr mich keine Frage, in welcher Stadt ich studieren w\u00fcrde. Dresden hat eine breit aufgestellte Universit\u00e4t, Dresden hat eine reiche Kulturlandschaft und Dresden ist weltoffen und vielf\u00e4ltig, mit internationalem Flair und hohem Ansehen in der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, zehn Jahre sp\u00e4ter, stelle ich mir die Frage: Habe ich mich ver\u00e4ndert oder Dresden?<\/p>\n\n\n\n<p>Das ich gern \u00fcber Pegida herziehe, von diesen Einzellern mit einem Horizont vom Radius 0, den sie gern als ihren Standpunkt darstellen, ist nichts neues. Ich stelle mich gegen jeden Rassismus, egal ob aus der rechten oder b\u00fcrgerlichen Ecke. Inzwischen f\u00fchle ich mich in Dresden aber immer mehr allein gelassen.<br>Da laufen schon wieder knapp 5.000 Rassisten durch die Stadt, hetzen die Menschen vom Podium aus auf und skandieren Spr\u00fcche wie \u201eAusl\u00e4nder raus\u201c und \u201eDeutschland den Deutschen\u201c. Sie sind sich nicht zu fein, Pogrom-artig auf dem Theaterplatz einzufallen und Menschen mit Flaschen und B\u00f6llern anzugreifen. Das Butz Lachmann diesen Vorfall nachher als Erfindung der L\u00fcgenpresse hinstellt, war zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jedoch, dass in einer gemeinsamen Aktion aus Ordnungsamt, Polizei und Staatsregierung es den Protestierenden unm\u00f6glich gemacht wird, ihrem Recht auf Meinungs\u00e4u\u00dferung nachzukommen. Dieses Recht ist ein Menschenrecht, unabh\u00e4ngig von Status und Staatsangeh\u00f6rigkeit!<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz im Gegenteil wird dem Protest unterstellt, dass er von den linken Radikalen ausgenutzt wird, dass \u00fcberhaupt keine Gefl\u00fcchteten vor Ort sind und das er von Parteien vereinnahmt wird. Und diese Behauptungen werden nicht hinterfragt, obwohl sie nachweislich falsch sind. Das geht soweit, dass die Bild offen gegen die Aktiven des Protestes hetzt und sie der L\u00fcgen bezichtigt und die Abschiebung propagiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne die Bild nicht anders, aber warum stellen sich nur so wenige dagegen? Wo sind die ganzen weltoffenen Politiker, Kulturschaffenden und Intellektuellen? Weltoffen und tolerant ist Dresden nicht von sich aus. Das ist es nur, wenn die Menschen in Dresden weltoffen und tolerant sind. Und sich auch offen gegen den Rassismus stellen, den Pegida so hoff\u00e4hig gemacht hat.<br>Das ist nicht das Dresden, das mir als weltoffen verkauft werden soll. Hat doch das Jahresmotto f\u00fcr 2015 \u201eWeltoffene Stadt der Kreativen\u201c den faden Beigeschmack des \u201eehrlichen Gebrauchtwagenh\u00e4ndlers\u201c. Warum muss die Weltoffenheit betont werden, die doch f\u00fcr alle selbstverst\u00e4ndlich sein sollte?<\/p>\n\n\n\n<p>Am 15. Februar diesen Jahres habe ich wieder etwas Hoffnung gesch\u00f6pft, mit den \u00fcber 1.000 Demonstrierenden, die sich den Nazis in den Weg gestellt haben und erfolgreich blockieren konnten. Die Hoffnung ist aber nur ein Schimmer, wenn ich sehe, wie die Polizei die Route der Nazis auf Krampf durchsetzen wollte. Wie fadenscheinige Begr\u00fcndungen gegen unseren Lautsprecherwagen hervorgebracht wurden, wie versucht wurde, unseren legitimen Protest \u2013 ein Menschenrecht \u2013 zu delegitimieren mit b\u00fcrokratischen Drohungen \u2013 B\u00fcrokratie geht hier eben \u00fcber Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Sache, die mich in Dresden besonders erschreckt: Vor sechs Jahren schaffte es ein B\u00fcndnis aus Parteien, Gewerkschaften und Anderen die gegenseitige Abneigungen zu \u00fcberwinden, sich zu organisieren und den gr\u00f6\u00dften Naziaufmarsch Europas binnen weniger Jahre Geschichte werden zu lassen. Trotz negativer Presse, massiver Repression durch die Staatsanwaltschaft und keinerlei Hilfe durch staatliche Institutionen ist das B\u00fcndnis Dresden Nazifrei international bekannt geworden. Eine Sache, die nicht Dresdens Verdienst ist, aber ein klares Zeichen gegen Rassismus in die Welt sendet.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Tagen und Wochen erlebe ich aber eine Distanzierung und Anfeindung von Menschen und Gruppen, die eigentlich zusammenarbeiten sollten. Da schimpft der Ausl\u00e4nderrat auf das sch\u00e4dliche Refugee-Camp, da schimpft Dresden Nazifrei auf die zu lahmen Postplatzkonzerte, da schimpft Dresden f\u00fcr Alle auf das radikale Dresden Nazifrei, da schimpft Dresden Nazifrei auf das uneffektive Dresden f\u00fcr Alle, da wird auf die Postplatzkonzerte geschimpft, weil diese nicht zur Camp-Unterst\u00fctzung aufrufen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zwischenzeit w\u00e4chst Pegida, die offensichtlich kein Problem damit haben, dass sie nur der Hass auf fremde Menschen eint. Und die Regierung verurteilt das nicht. Sie bietet Pegida Raum in staatlichen Institutionen, Ulbig und Gabriel sprechen pers\u00f6nlich mit Pegida. Mit den Gefl\u00fcchteten ist jedoch kein Gespr\u00e4ch m\u00f6glich. Im Gegenteil verschleppt die Regierung die notwendige Bereitstellung von Erstunterk\u00fcnften, richtet eine Taskforce gegen kriminelle Ausl\u00e4nder ein und kriminalisiert den Protest auf dem Theaterplatz. Und tut so, als w\u00e4re die Welt damit in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dresden, es ist etwas kaputt gegangen zwischen uns. Wo ist Deine kulturelle Vielfalt geblieben, die Vielfalt, wegen der ich hier her kam?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Neustadt hast Du gez\u00e4hmt mit Parkscheinautomaten, Kameras, Alkoholverboten und einer irrsinnigen Mietpolitik. Ich gehe als Neust\u00e4dter auf die Stra\u00dfe und f\u00fchle mich nicht unter Neust\u00e4dtern, sondern unter Touristen, Yuppies und Partyg\u00e4ngern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dresden, Du lobst Dich als Stadt des Barock mit Semperoper und Staatsschauspiel. Ich verrate Dir ein Geheimnis: Es sind nicht Semperoper und Staatsschauspiel, die mich nach Dresden brachten. Es sind die kleinen Clubs, die kleinen Festivals, die lokale K\u00fcnstlerszene. Die, die Du nicht siehst, die aber \u00fcberhaupt erst die Kulturschaffenden in die Stadt locken.<\/p>\n\n\n\n<p>Du willst Kulturhauptstadt 2025 werden? Dann muss Du der Kultur in vielf\u00e4ltiger Weise Raum bieten. Wortw\u00f6rtlich: Denn solange Finanzb\u00fcrgermeister Vorjohann alle st\u00e4dtischen Liegenschaften an den meistbietenden verscheuert und dann noch rumt\u00f6nt, dass an Musiker, bildende und darstellende K\u00fcnstler, Vereine und Initiativen nur in Konkurrenz zu Investoren verkauft wird \u2013 so lange wird das nichts werden mit der Kulturhauptstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wie Du mit Deiner B\u00fcrokratie die Stra\u00dfenkunst von heute auf morgen aus der Stadt verbannt hast. Eine Kulturhauptstadt ohne Stra\u00dfenkunst? Wie soll das gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Deinen letzten gro\u00dfen Coup hast Du Dir mit dem Freiraum Elbtal geleistet. Das Interesse der einzelnen Architektin T\u00f6berich, die ihr Interesse auf die n\u00e4chsten Jahre nicht mal umsetzen darf, wiegt mehr als die Interessen von dutzenden K\u00fcnstlern und Handwerkern, die auf dem Freiraum die Kultur geschaffen haben, weswegen Du Dich gern um den Titel der Kulturhauptstadt bem\u00fchst.<\/p>\n\n\n\n<p>Und hier sollte sich explizit jeder Bewohner Dresdens angesprochen f\u00fchlen \u2013 dass die da oben nicht immer das richtige tun wollen oder k\u00f6nnen, ist nichts neues. Aber jede und jeder der 4.000 Menschen, die das Fr\u00fchlingsfest auf dem Freiraum besucht haben, sollten sich fragen: Warum habe ich die R\u00e4umung nicht verhindert?<\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrt mich zu meinem letzten Punkt: In einer angeblich kreativen Stadt, angeblich voll weltoffener Menschen, sehe ich doch immer nur die selben Aktiven.<\/p>\n\n\n\n<p>Es stehen beim Freiraum Elbtal nur 100 und demonstrieren. Es sind die selben 100 die auch beim Refugee-Camp stehen, die selben 100 die die Proteste bei Dresden Nazifrei organisieren, die selben 100 die die Postplatzkonzerte stemmen, die selben 100 die sich gegen eine Gentrifizierung der Neustadt stellen, die selben 100 die Nachbarschaftscaf\u00e9s einrichten, Initiativen f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, Obdachlose und andere Benachteiligte einrichten \u2013 sprich die selben 100, die den Job erledigen, f\u00fcr den der Rest von Dresden und die Verwaltung keine Zeit, Lust und Muse hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dank daf\u00fcr ist meist G\u00e4ngelei, Rumgep\u00f6bel und Rechtfertigungsforderungen. Ich muss mich erkl\u00e4ren, warum ich keinem geregelten Job nachgehe und warum ich keinen Abschluss habe. Ich muss mich rechtfertigen, warum ich bei Dresden Nazifrei mithelfe und warum ich die Postplatzkonzerte organisiere. Jeweils beim anderen. Und dass komplett ehrenamtlich. Keine Erstattungen, keine Spesen.<br>W\u00e4hrenddessen h\u00f6re ich, dass Hellerau mit 2 Millionen j\u00e4hrlich gef\u00f6rdert wird. Das die nicht-arbeitende Intendantin des Kulturpalastes 6.000 EUR im Monat bekommt und sobald der Kulturbetrieb aufgenommen wird, bekommt sie 12.000 EUR.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Bands m\u00fcssen horrende Preise f\u00fcr ungeheizte, ungesicherte Prober\u00e4ume am Stadtrand bezahlen, Freir\u00e4ume werden immer weiter dicht gemacht. Und nur die wenigsten interessiert das.<\/p>\n\n\n\n<p>Dresden, es ist etwas kaputt gegangen zwischen uns beiden. Meine Perspektive: Ich mache es wie viele anderen und versuche mein Gl\u00fcck au\u00dferhalb von Sachsen. Es schmerzt mich um die vielen Aktiven, die sich hier t\u00e4glich den Arsch aufrei\u00dfen. Ohne fruchtbaren Boden jedoch wird das auch in zehn Jahren noch so sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dresden, wache auf! Rede mit dir selbst, sei selbst-kritisch und \u00e4ndere dich. Sonst \u00fcberrennt dich der braune Mob und am Ende bleibt Dir nur noch die Semperoper. Du warst mal eine weltoffene Kulturstadt \u2013 heute bist du nur noch die Stadt mit Pegida.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vor zehn Jahren gab es f&uuml;r mich keine Frage, in welcher Stadt ich studieren w&uuml;rde. Dresden hat eine breit aufgestellte Universit&auml;t, Dresden hat eine reiche Kulturlandschaft und Dresden ist weltoffen und vielf&auml;ltig, mit internationalem Flair und hohem Ansehen in der Welt. Jetzt, zehn Jahre sp&auml;ter, stelle ich mir die Frage: Habe ich mich ver&auml;ndert oder Dresden? 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